EXTRAS


INTERVIEW MIT TOBIAS SAMMET - APRIL 2010

Tobiassammet.com: Tobias, endlich ist es so weit: "The Wicked Symphony" und "Angel Of Babylon" stehen in den Läden, die beiden neuen Avantasia-Alben die im Vorfeld als Dein ambitioniertestes Projekt aller Zeit bezeichnet wurden. Bist Du gespannt oder sogar nervös, jetzt da die Fans die beiden Alben in ihren Händen halten?

Tobias: "'Ambitioniertestes Projekt aller Zeiten' klingt etwas hochgestochen, denn irgendwie ist alles was ich mache von Leidenschaft und Enthusiasmus angetrieben. Der Unterschied ist diesmal aber, dass wir zwei Alben mit einer Gesamtspielzeit von 120 Minuten geschaffen haben. Alles war doppelt so intensiv, die Arbeiten haben doppelt so lange gedauert und waren doppelt so schweißtreibend. Ich hatte doppelt so viele schlaflose Nächte, aber im Endeffekt bin ich jetzt auch doppelt so glücklich."

Tobiassammet.com: Die Liste der Gastmusiker ist wieder sehr imposant. Klaus Meine, Jon Oliva, Russell Allen, Jorn Lande, Ripper Owen... Hast Du nie darüber nachgedacht, dass es vielleicht irgendwann so aussehen könnte, als seist Du auch nur noch ein Gast auf Deinem eigenen Album; nicht als Komponist, aber zumindest als Sänger?

Tobias: "Wenn man an so einem Werk arbeitet, ist die eigene Performance erstmal nicht das Wichtigste. Man konzentriert sich auf das Projekt als Ganzes, wenngleich ich meine Sache als Sänger natürlich immer so gut wie möglich erledigen will. Aber Avantasia soll nicht mein Ego befriedigen, ich mache das weil ich mich wie ein kleines Kind drüber freue, das machen zu dürfen. Ob Du es glaubst oder nicht, wenn man mit all diesen großartigen Musikern im Studio steht ist man in erster Linie dankbar und glücklich. Ich mache das weil wir zusammen Musik erschaffen, die ich liebe. Da ist kein Platz für einen Schwanzvergleich. Wir sind hier nicht bei der Olympiade, es geht einzig um den Spaß an der Freud' und darum, nachher das Endresultat genießen zu können."

Tobiassammet.com: Jeder redet von den großartigen Leistungen der Gastsänger, aber wie würdest Du Deinen eigenen Gesang einordnen? Wie hat sich Dein Gesangsstil Deiner Meinung nach über die Jahre entwickelt?

Tobias: "Ich finde meine Stimme heute viel besser als früher. Wenn ich mir manche Sachen von früher anhöre muss ich mich schon sehr wundern, haha. Ich hasse mein Vibrato auf den alten Alben. Mikko Karmilla (Tontechniker auf den alten Edguy-Alben von Vain Glory Opera bis Hellfire Club) sagte mir damals, dass ich mich durch mein Geeier so anhöre, als ob mich jemand während des Haltens langer Töne durchschüttele. Gottseidank hat mich unser Produzent Sascha Paeth davon geheilt. Jedesmal wenn ich damit anfing hohe und klare Töne im Sinne eines Opernsängers zu knödeln hat er aufs Mischpult gekotzt. Irgendwann ging mir das auf den Keks, und ich habe entdeckt, wie man als Mann singt. Ich wollte nicht weiter in einer Alessandro Moreschi Tribute-Band singen (lacht). Der Stimmumfang ist immer noch da, was prinzipiell hilfreich ist, aber ich konzentriere mich heute eher auf solche Parameter wie Ausdruck und Gefühl anstatt zu versuchen, wie ein Güterzug bei einer Vollbremsung zu quietschen. Wenn man neues Avantasia-Material wie "Your Love Is Evil" oder den Refrain von "States Of Matter" hört, dann ist das - ohne jetzt auf die Kacke hauen zu wollen - gesanglich schon ziemlich ansprechend. Auf Avantasia sind allerdings so viele Hammersänger, dass es hier nicht angebracht wäre, groß über meine Gesangsleistung auf dem Album zu reden. Auf dem letzten Edguy-Album "Tinnitus Sanctus" hört man die Essenz meines Gesangs mit allen Facetten ganz gut. Darauf bin ich der einzige Sänger. Und selbst jetzt - da ich genügend Abstand zu besagtem Album habe - kann ich mit Fug und Recht sagen, dass die Platte die beste Edguy-Scheibe aller Zeiten ist. Ein Killeralbum, auch wenn es manche Leute vielleicht nicht verstehen wollten, aber "Sex Fire Religion" oder "Pride Of Creation" sind Hammersongs. So muss Metal meiner Meinung nach klingen. Auf dem Song "929" habe ich die vermutlich beste Gesangsleistung der letzten zehn Jahre abgeliefert. Dem Album war nicht auf allen Märkten der Erfolg vergönnt, den es verdient gehabt hätte. Aber egal, damit muss man leben wenn man seinem Herzen folgt und sich nicht selbst verrät. Tinnitus Sanctus... Was für ein Album! Aber zurück zu Avantasia (lacht)!"

Tobiassammet.com: Ich mochte "Tinnitus" ja auch durchaus, aber die beiden neuen Avantasia-Alben scheinen dennoch etwas epischer geraten zu sein, und manche Leute vermuten hinter vorgehaltener Hand, dass Du wieder zurück zu Deinen Wurzeln kehren wolltest. War das beabsichtigt? Einige Leute äußerten sogar, dass Du Dir für Avantasia mehr Mühe geben würdest als für Edguy. Wie begegnest Du solchen Vorwürfen?

Tobias: "Das ist totaler Quatsch! "Tinnitus Sanctus" ist das perfekte Edguy-Album, egal ob es manch einer mag oder nicht. Ich kann das beurteilen, denn ich bin ein Teil dieser Band. Es ist schon seltsam, wenn man sich mit der Presse oder auch Fans unterhält hat man manchmal den Eindruck, dass die Leute da draußen besser als wir selbst wissen, welche Absichten wir mit unserer Musik verfolgen. Hinter allem wird Kalkül vermutet, da fallen Begriffe wie 'Ausverkauf', 'zurück-zu-den-Wurzeln', 'kreativ-ausgebrannt' und weiß der Geier was noch alles. Dabei denken wir gar nicht so viel nach, sondern wollen einfach Spaß haben und die Musik spielen, die wir eben spielen wollen. Nochmal zum mitschreiben: Auf "Tinnitus Sanctus" stehen einige der besten Edguy-Stücke überhaupt, und die Platte verkörpert alles wofür Edguy stehen. Sie tritt Arsch, ist frech und dreckig, gleichzeitig aber hymnisch und bombastisch. Da ist großartiges Songwriting drauf, und die musikalische Umsetzung ist besser als auf jedem Edguy-Album zuvor. Ich weiß das, ich bin ja schließlich in dieser Band. Trotzdem akzeptiere ich natürlich auch gegenteilige Meinungen, wobei ich das im Endeffekt besser beurteilen kann, als Leute die nicht in der Band sind. Was den kommerziellen Ausverkauf angeht: Wir hatten nicht mal eine Single am Start, das sind äußerst schlechte Startvoraussetzungen wenn man es nur darauf abgesehen hat, einen Singlehit zu landen!"

Tobiassammet.com: Okay! Zurück zu Avantasia: Wenn ein Außerirdischer auf die Erde käme, wie würdest Du ihm diese beiden neuen Avantasia-Alben kurz und knapp beschreiben?

"Vermutlich einfach als prächtige Musik. Wenn ich die Sprache der Presse wählen müsste würde ich sagen, dass die Scheiben eine glatte sechs-komma-vier von sechseinhalb-komma-zwei wären, der minimale Punktabzug nur weil es so klingt wie Bon Jovi. (lacht). Vermutlich würde der Außerirdische nur Bahnhof verstehen, wie auch jeder normalsterbliche Musikfan mit Geist den Ausführungen weiter Teile der Musikpresse üblicherweise nicht folgen kann. Es ist halt epische Musik. Ich würde dem Außerirdischen vielleicht noch mit auf den Weg geben, dass Teile des Schlagzeugs von einem seiner Artgenossen eingespielt worden sind. Dann würde ich sagen: 'Jetzt hör's Dir halt selbst an! Dann wirst Du spüren wie ehrlich wir zu Werke gegangen sind. Und wie konsequent wir Grenzen durchbrochen haben um Stilvielfalt und Abwechslungsreichtum zu schaffen. Die Urgewalt und die Pracht werden aus Deiner Stereoanlage herausquellen und Dein Raumschiff schmelzen!'"

Tobiassammet.com: Nun hast Du erstmals zwei Alben aufeinmal produziert, was sicher ein Haufen Arbeit war. Kamst Du während der Produktion nicht irgendwann mal an einen Punkt, an dem Du es bereut hast, ein solches Unterfangen zu starten?

Tobias: "Nein, denn als ich merkte, wie viel Material wir hatten, war das alles schon produziert! Das Geheimnis wie man so etwas bewerkstelligt ist ziemlich einfach, es ist ein wundervolles Lebensmotto: 'Hab' Spaß!' Ich widme mich Dingen, die mir einfach Freude bereiten, wie z.B. der Arbeit an Avantasia. Ich möchte nichts als die Musik spielen, die mir Freude bereitet und die knapp bemessene Zeit auf diesem wunderschönen Planeten mit etwas ausfüllen, das mich mit Freude erfüllt. Und glaub mir: Ich habe das beste Leben, das man sich vorstellen kann, also ist es meine Pflicht, auch etwas in den Kreislauf zurückzugeben. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich sehr viel Glück im Leben hatte, viel mehr als Talent. Und ich weiß ebenso, dass es viele Leute gibt, die es sich nicht erlauben können, ihr ganzes Leben lang immer nur Dinge zu tun, die sie mit Freude erfüllen. Selbst ich kann das nicht immer. Aber wenn wir das wirklich wollen, können wir die positiven Aspekte in unserem Leben durchaus optimieren. Sieh Dich doch um! Es gibt leider immer noch so viele Menschen die ihre wertvolle Zeit und Energie dafür verschwenden, anderen Leuten das Leben schwer zu machen. Nimm doch als Beispiel den Musikjournalismus! Es gibt da Schreiber, die konzentrieren sich auf Dinge die sie lieben und verstehen, und dann gibt es die armen Kleingeister, die darauf warten dass sie eine Band finden, die sie hassen und verreißen können. Du musst doch pervers sein, um Dich freiwillig Dingen zu widmen, die Dich schlecht drauf bringen. Zeit zu verschwenden um über etwas zu sinnieren, von dem Du nichts verstehst und das Du nicht verstehen möchtest oder gar kannst. Oder das Du einfach nur verabscheust. Es gibt da völlig gegensätzliche Herangehensweisen. Oder nimm den gemeinen Nachbarschaftsstreit: Da gibt es Leute, die rufen die Polizei weil das Pärchen in der Wohnung oben drüber zu laut ist, während es doch viel schöner wäre, selbst das gleiche zu tun. Entspannt Euch doch alle! Folgt Euren Träumen und genießt das Leben! Seine Kraft für etwas negatives zu verschwenden ist respektlos gegenüber denen, die Unterstützung und Kraft wirklich gebrauchen könnten, deshalb versuche ich weder Zeit noch Energie für etwas negatives zu verschwenden: Ich nutze den Tag um die Leute zum lächeln zu bringen, mich selbst eingeschlossen. Du wirst erstaunt sein, wie viel man mit dieser Lebenseinstellung auf die Beine stellen kann."

Tobiassammet.com: Zum Abschluss: Was sind die Zukunftspläne von Tobias Sammet? Gibt es schon wieder einen neuen Traum?

Tobias: "Darüber denke ich derzeit nicht nach. Ich genieße es, zwei wundervolle neue Kapitel in der Avantasia-Diskografie geschaffen zu haben. Und außerdem kommt im Leben doch eh immer alles anders als geplant. Vor 20 Jahren hatte ich den Traum Rock-Musiker zu werden, eigene Alben aufzunehmen und davon leben zu können. Inzwischen kann ich auf viele Alben in den Charts, eine Tour mit Aerosmith, Stadion-Shows mit Iron Maiden und den Scorpions und vieles mehr zurückblicken. Ich hatte die außergewöhnliche Ehre im Rahmen meiner Avantasia-Produktionen mit Legenden wie Alice Cooper, Musikern von KISS oder den Scorpions und anderen Leuten zu arbeiten, deren Poster ich in meinem Kinderzimmer hängen hatte. Mit Edguy sind wir schon einige Male um die ganze Welt getourt, von Israel bis China, von den USA bis nach Brasilien gereist. Das muss man alles erstmal verdauen, und bislang habe ich nie darbüber nachdenken können, weil ich immer nur in der Zukunft gelebt und immer nur an dem nächsten "Ding" gebastelt habe. Deshalb will ich jetzt mal ein paar Wochen nichts tun, auf das Erreichte zurückblicken und einfach nur entspannen. Ich denke das habe ich mir jetzt wirklich mal verdient."